Kooperative Unternehmensnachfolge: Warum Genossenschaften neue Wege eröffnen
Die Unternehmensnachfolge wird für viele kleine und mittlere Unternehmen zunehmend zur zentralen Zukunftsfrage. In ländlichen Regionen wie Barnim und Uckermark findet schon heute ein erheblicher Teil der Betriebe keine Nachfolgerinnen – mit drastischen Folgen für Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung. „Auf vier Unternehmerinnen kommt bundesweit nur eine Nachfolgeperson“, so Prof. Dr. Heike Walk von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), Professorin für Transformation Governance.
Im Interview legt sie Ergebnisse eines Forschungsprojekts dar: Neben dem klassischen Modell der einzelverantwortlichen Unternehmensführung braucht es dringend zusätzliche Wege – insbesondere kooperative Nachfolgemodelle wie Genossenschaften. Denn viele potenzielle Nachfolger*innen sind bereit, Verantwortung zu übernehmen, möchten dies aber nicht allein tun.
Im Forschungsprojekt Inno4Ufo – Innovative Instrumente zur Unternehmensfortführung in ländlichen Räumen wurde ein solches Modell erfolgreich erprobt: Eine Kfz-Werkstatt aus Eberswalde, zunächst ohne Nachfolgeperspektive, entwickelte gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden ein genossenschaftliches Übernahmekonzept. Begleitet durch Lern- und Verantwortlichkeitsprozesse wuchs aus anfänglicher Skepsis ein tragfähiger Zukunftsweg.
Genossenschaften bieten aus Sicht von Heike Walk klare Vorteile: gemeinsame Verantwortung, langfristige Stabilität und größere Krisenfestigkeit. Entscheidungen werden demokratisch getroffen, Gewinne häufig reinvestiert, und die Unternehmen agieren sozial und regional verankert – ein klarer Bezug zu nachhaltigem Wirtschaften.
Gleichzeitig sieht sie große Lücken in der Beratungspraxis: „Über Genossenschaften wird kaum gesprochen – weder in Handelskammern noch in der Ausbildung.“ Hier seien Hochschulen gefragt, kooperative Gründungs- und Nachfolgemodelle stärker in Forschung, Lehre und Gründungsberatung zu verankern.
Die Beispiele aus der HNEE-Forschung zeigen, wie viel Potenzial in gemeinschaftlich geführten Unternehmen steckt – und wie wichtig es ist, dieses Thema sichtbarer zu machen.
Das vollständige Interview mit Prof. Dr. Heike Walk beleuchtet, warum Genossenschaften eine zukunftsfähige Perspektive für die Unternehmensnachfolge bieten und wie Transformationsprozesse gelingen können.
Interview Heike Walk zu Genossenschaften
Frage: Ist das klassische Modell, eine einzelne Unternehmerin oder einen einzelnen Unternehmer als Nachfolge zu suchen, heute noch realistisch?
Heike Walk:
Ja, durchaus. Es gibt viele kreative und unternehmerisch denkende Menschen mit guten Ideen – oft aus Familien, in denen Selbstständigkeit vorgelebt wurde oder mit Vorbildern, die sie inspiriert haben.
Aber das ist nur ein kleiner Teil. Viele andere können sich gut vorstellen, Verantwortung zu übernehmen, aber nicht allein. Sie möchten Risiken, Entscheidungen und Aufgaben teilen. Genau für diese Menschen fehlen bislang geeignete Beratungs- und Begleitmodelle.
Das ist aus meiner Sicht nicht mehr zeitgemäß. Wir wissen längst, dass nur ein kleiner Teil der Gesellschaft wirklich allein unternehmerisch tätig sein möchte. Für alle anderen gibt es kaum Informations- und Unterstützungsangebote.
Frage: Welche Trends siehst du aktuell in der Nachfolgesituation?
Heike Walk:
In unserer Region zeigt sich deutlich, dass immer mehr Unternehmen keine Nachfolger*innen finden.
Alexander Conrad und Sophia Krebber haben im Rahmen eines Nachfolgemonitorings für die Uckermark festgestellt, dass bis zu 28 % der Unternehmen in Zukunft ohne Nachfolge bleiben.
Auch bundesweit gilt dieser Trend: Auf vier Unternehmer*innen kommt nur eine Nachfolgeperson.
Für wirtschaftlich ohnehin schwächere Regionen wie Barnim und Uckermark ist das fatal. Gute kleine und mittlere Unternehmen verschwinden, Arbeitsplätze gehen verloren, die wirtschaftliche Stabilität leidet.
Das war für uns der Anlass, schon vor fünf Jahren ein Projekt zu starten, um uns intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen.
Frage: Wenn ein Viertel der Betriebe keine Nachfolge findet – ist es dann überhaupt noch realistisch, gezielt nach einer Unternehmerin oder einem Unternehmer zu suchen?
Heike Walk:
Ja, das ist weiterhin möglich und sinnvoll. Aber wir müssen parallel neue Wege eröffnen. Gerade dort, wo motivierte Mitarbeitende in gut laufenden Unternehmen tätig sind, sollten wir andere Formen der Übergabe ermöglichen.
Im Forschungs- und Entwicklungsprojekt Inno4Ufo - Innovative Instrumente zur Unterstützung der Unternehmensfortführung in ländlichen Räumen - haben wir zum Beispiel ein Unternehmen begleitet, das keine Nachfolge fand. Gemeinsam mit den Mitarbeitenden entwickelten wir Methoden, wie sie sich schrittweise an die Idee einer Übernahme herantasten konnten – in Form einer Genossenschaft.
Im Team haben Maria Wichmann, Laura Jungnickel und Sophia Krebber diesen Prozess über zwei Jahre hinweg mit Lern- und Verantwortlichkeitsübungen begleitet – mit großem Erfolg.
Die Mitarbeitenden einer Kfz-Werkstatt hier in Eberswalde waren anfangs skeptisch, konnten sich aber schließlich auf das Modell einlassen. Heute sehen sie darin eine echte Chance.
Frage: Wie kann man Menschen motivieren, die zwar über Selbstständigkeit nachdenken, sich aber allein nicht trauen?
Heike Walk:
Indem man ihnen die Vorteile gemeinsamer Verantwortung zeigt. Viele wissen gar nicht, was kooperative Unternehmensführung konkret bedeutet.
Wir haben zum Beispiel kleine „Challenges“ eingesetzt, in denen die Mitarbeitenden gemeinsam Entscheidungen treffen mussten. Dabei wuchs das gegenseitige Vertrauen und die Lust, Verantwortung zu übernehmen.
Solche Erfahrungen lassen sich auch in der Ausbildung oder im Studium fördern. Ich frage unsere Wirtschaftsstudierenden regelmäßig, ob sie das Genossenschaftsmodell kennen. Fast alle kennen das Wort – aber kaum jemand weiß Genaueres.
Wenn Studierende frühzeitig erfahren, dass sie auch gemeinschaftlich gründen oder übernehmen können, entstehen neue arbeitsteilige Möglichkeiten und Modelle: etwa die Möglichkeit der Kooperation zwischen technisch erfahrenen Fachleuten und wirtschaftlich geschulten Studierenden.
Das Genossenschaftsmodell eröffnet genau solche arbeitsteiligen Formen – und das ist attraktiv, weil alleinige Verantwortung heute oft als zu riskant oder belastend empfunden wird.
Frage: Was müssen Unternehmer*innen im Denken verändern, wenn sie ihre Mitarbeitenden an kooperative Modelle heranführen wollen?
Heike Walk:
Sie müssen lernen, Verantwortung abzugeben – und Freude an partizipativen und demokratischen Prozessen entwickeln. Das Genossenschaftsmodell basiert auf Mitgestaltung und geteilten Rollen. Wer stark machtorientiert ist und allein entscheiden möchte, wird sich damit schwertun.
Beide Modelle – das klassische Einzelunternehmer*innentum und das genossenschaftliche – haben ihre Berechtigung.
Das Problem ist: Über das genossenschaftliche Modell wird kaum gesprochen. In Handelskammern, Ausbildungseinrichtungen oder bei Steuerberater*innen wird fast ausschließlich das GmbH-Modell behandelt. Nur wenige kennen sich mit Genossenschaften aus oder beraten dazu.
Frage: Wie lässt sich ein Unternehmen von einer Einzel- auf eine gemeinschaftliche Führung umstellen, ohne wirtschaftliche Risiken einzugehen?
Heike Walk:
Dazu bedarf es auf jeden Fall genügend Vorlauf und auch den Willen und Mut von allen Beteiligten. Je mehr Menschen bei strategischen Entscheidungen mitdenken, desto stabiler ist das Unternehmen. Natürlich benötigen die Entscheidungsprozesse mehr Zeit und Vertrauen. Entscheidungen müssen diskutiert und gemeinsam getragen werden.
Aber Studien zeigen: Genossenschaften sind langfristig stabiler. Sie treffen Entscheidungen nicht impulsiv, sondern ausgewogen – und überstehen Krisen meist besser, weil sie auf mehreren Schultern ruhen.
Frage: Sind Genossenschaften damit auch resilienter gegenüber wirtschaftlichen Krisen?
Heike Walk:
Ja, eindeutig. In Krisenzeiten sind Genossenschaften im Schnitt stabiler, weil sie auf Selbsthilfe, Kooperation und gemeinsame Verantwortung setzen. Wir finden weltweit sehr viele Beispiele von Genossenschaften, die gerade in Krisenzeiten die erfolgreichsten Organisationsformen sind.
Sie fördern den innerbetrieblichen Austausch, ermöglichen Qualifizierung und schaffen Spielräume, um auf Veränderungen zu reagieren.
Das stärkt die Anpassungsfähigkeit – und damit die Nachhaltigkeit eines Unternehmens.
Frage: Wie werden Gewinne in einer Genossenschaft verteilt?
Heike Walk:
Alle Mitglieder entscheiden gemeinsam – einmal im Jahr auf der Mitgliederversammlung.
Natürlich sollen auch Genossenschaften wirtschaftlich erfolgreich sein. Aber sie denken langfristiger. Gewinne werden häufig reinvestiert – etwa in Weiterbildung, Modernisierung oder soziale Maßnahmen.
Große Gehaltsunterschiede, wie man sie in anderen Unternehmensformen findet, gibt es in Genossenschaften kaum. Das liegt auch daran, dass die Mitglieder selbst über Einkommensmodelle abstimmen.
Frage: Und wie steht es mit Tarifbindung und Mitbestimmung?
Heike Walk:
Genossenschaften sind selbstverständlich tarifgebunden. Was die Mitbestimmung anbelangt, so muss zwischen Mitarbeitendengenossenschaften und anderen Genossenschaften unterschieden werden. Bei Mitarbeitendengenossenschaften sind die Mitglieder selbst Eigentümerinnen, was die Dynamik der Mitbestimmung beeinflusst. In den anderen Genossenschaften kann der Betriebsrat dabei helfen, die Interessen der Mitglieder zu balancieren und sicherzustellen, dass die Prinzipien von Demokratie und Solidarität in der Praxis umgesetzt werden.
Frage: Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit?
Heike Walk:
Eine sehr große. Genossenschaften sind auf Dauer angelegt, demokratisch organisiert und häufig regional verankert. Sie fördern Mitgestaltung, soziale Verantwortung und langfristiges Wirtschaften.
Das sind alles zentrale Nachhaltigkeitsprinzipien – ökonomisch, sozial und kulturell.
Frage: Sind Genossenschaftsmodelle für alle Branchen geeignet?
Heike Walk:
Ja, absolut. Egal ob Handwerk, Dienstleistung oder Industrie – das Modell funktioniert in allen Bereichen. In Deutschland haben wir ein breites Spektrum – sowohl was die Branchen anbelangt als auch die Größe. Auch im Ausland ist das eindruckvoll: In Spanien ist Mondragón eines der größten und erfolgreichsten Unternehmen des Landes.
In Deutschland braucht es dafür meist nur drei Gründungsmitglieder. Bei einer Unternehmensnachfolge sollten es allerdings etwas mehr sein, damit Verantwortung und Risiko auf mehreren Schultern liegen.
Frage: Wie sieht die Situation im europäischen Vergleich aus?
Heike Walk:
In vielen europäischen Ländern ist die Unterstützung deutlich besser.
Dort gibt es spezielle Prüfungsverbände für Mitarbeitendengenossenschaften, die Beratung und Förderung anbieten. In Deutschland fehlt so eine Struktur bislang.
Das führt dazu, dass es hier viel weniger erfolgreiche Mitarbeitendenübernahmen gibt.
Ich hoffe, dass sich das in den nächsten Jahren ändert.
Frage: Welche Rolle können Hochschulen bei dieser Entwicklung spielen?
Heike Walk:
Eine zentrale. Wir müssen unseren Studierenden zeigen, dass Unternehmertum nicht nur individuell, sondern auch kooperativ gedacht werden kann.
An der HNEE haben wir ein starkes Gründungszentrum, das Einzelgründer*innen hervorragend unterstützt. Was bislang fehlt, sind Lernräume für gemeinschaftliche Gründungsformen.
Viele Studierende wollen solidarisch und nachhaltig wirtschaften – und genau dafür sollten wir ihnen Wege und Beispiele zeigen.
Das kann über Lehrmodule, Kooperationen mit genossenschaftlichen Netzwerken oder praktische Projekte geschehen.
Frage: Gibt es aus deiner Forschung oder Lehre Beispiele, die diesen Ansatz illustrieren?
Heike Walk:
Ja, wir haben mehrere Masterarbeiten, die das Thema vertieft haben.
Jan Welland hat einen europäischen Vergleich zu Mitarbeitenden-Genossenschaften gemacht und gezeigt, wie stark Deutschland hier noch hinterherhinkt.
Lila Nettsträter hat erforscht, wie Gründungsmitglieder fair vergütet werden können, wenn sie überdurchschnittlich viel Zeit in den Aufbau investieren.
Und Melanie Fütz sowie Johanna Lehmann haben sich mit Handwerkergenossenschaften beschäftigt und gemeinsam mit Betrieben Workshops durchgeführt, um das Modell bekannter zu machen.
Das zeigt, wie viel Potenzial in diesem Thema steckt – und wie wichtig es ist, darüber zu sprechen.
Das Gespräch führte Ulrich Wessollek