Spulwurm, Küken, Wald und Überleben - HNEE-Forschung wirkt

Für Prof. Dr. Eva-Maria Saliu, Vizepräsidentin für Forschung und Transfer an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), liegt eine besondere Stärke der Hochschule in der engen Verbindung von Nachhaltigkeit, Praxisnähe und Forschungsstärke. Nachhaltigkeit ist an der HNEE kein zusätzliches Profilmerkmal, sondern tief in den Strukturen verankert und damit Teil ihres Selbstverständnisses.

Eva-Maria Saliu, die aus der Veterinärmedizin und Tierernährung kommt, sieht genau darin den Unterschied zu vielen anderen Hochschulen. Forschung an der HNEE entstehe vielfach aus konkreten Fragen und Bedarfen aus der Praxis. Auch an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften werde Grundlagenforschung betrieben – zugleich gehe es aber immer auch darum, welche Herausforderungen im Feld bestehen und welche Lösungen gebraucht werden. So entstehen an der HNEE gemeinsam mit Praxispartner*innen Antworten auf lokale Probleme in einem globalen Kontext.

Wie eng Forschung und Anwendung zusammenwirken, zeigt sich in ganz unterschiedlichen Themenfeldern: etwa bei Untersuchungen zu Spulwurminfektionen bei Mensch und Tier, die laborbasierte Grundlagenforschung mit Beobachtungen unter Praxisbedingungen verbinden. Auch die Forschung zu Hühnerrassen, Fütterungsstrategien und Tiergesundheit greift konkrete Fragen aus der landwirtschaftlichen Praxis auf und entwickelt daraus wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse.

Transfer ist dabei kein nachgelagerter Schritt, sondern in vielen Projekten von Beginn an mitgedacht. Die HNEE schafft mit Strukturen wie INES oder InnoSupport gute Voraussetzungen dafür, Fragen aus der Praxis aufzunehmen, in Forschung und Lehre zu tragen und Ergebnisse gezielt in die Region, in Betriebe und Unternehmen zurückzuspielen. Damit wird Transfer zu mehr als einem Abschlussbericht – er wird zu einer echten Investition in regionale Entwicklung.

Auch die Forschungsschwerpunkte der HNEE entwickeln sich aus diesem Zusammenspiel. Nachhaltige Landschaftsnutzung in Wäldern und Offenlandsystemen zählt dabei ebenso zu den prägenden Themen wie sozialökonomische Fragen von Wirtschaft und Gesellschaft. Forschung, Transfer und Lehre greifen an der HNEE eng ineinander – genau das macht die Hochschule stark.

Für die Zukunft kommt es darauf an, diese Stärken weiter auszubauen: durch sichtbare Institute und Zentren, eine bessere Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, stärkere Infrastrukturen und verlässliche Unterstützung im Projektmanagement. So kann die HNEE ihre Rolle als forschungsaktive, praxisnahe und nachhaltigkeitsorientierte Hochschule weiter schärfen.

Das vollständige Gespräch mit Prof. Dr. Eva-Maria Saliu zeigt, wie und warum Forschung an der HNEE nicht nur anwendungsorientiert sondern wirksam ist.

Ein Gespräch mit Prof. Saliu über Forschung an der HNEE 

Frage: Sie verantworten Forschung und Transfer an einer Hochschule mit klarem Nachhaltigkeitsprofil. Warum hat Sie die HNEE gereizt?

Ich komme ursprünglich von der Freien Universität Berlin aus der Veterinärmedizin, genauer aus der Tierernährung. Was mich an der HNEE gereizt hat, ist ihre große Forschungsstärke als Hochschule für angewandte Wissenschaften – und natürlich der Nachhaltigkeitsgedanke. Ich habe mich schon lange damit beschäftigt, wie sich Tierernährung und Tierhaltung nachhaltiger gestalten lassen. Nachhaltigkeit ist für mich kein neues Thema. Bevor ich Tierärztin wurde, habe ich sogar einmal Physik studiert – mit dem Ziel, Klimaforscherin zu werden. Insofern schließt sich an der HNEE für mich in gewisser Weise ein Kreis.

Frage: Viele Hochschulen haben Nachhaltigkeit im Portfolio. Worin liegt für Sie der Unterschied an der HNEE?

An der HNEE ist Nachhaltigkeit nicht etwas, das zusätzlich eingeführt wurde. Sie ist in den Strukturen so verankert, dass sie eine Selbstverständlichkeit geworden ist. Genau das unterscheidet die Hochschule aus meiner Sicht von vielen anderen. Hier wird Nachhaltigkeit überall mitgedacht – und oft so selbstverständlich, dass man sie nicht permanent eigens hervorheben muss. Nachhaltigkeit ist auch stark in der Forschung und im Transfer verankert, nicht nur thematisch, sondern konzeptuell: die Systemforschung zieht sich als roter Faden durch die verschiedenen, multidisziplinaren Projekte. Dazu kommt für mich die starke fachliche Verankerung in Landwirtschaft, Landnutzung und verwandten Bereichen, die sehr gut zu meinen eigenen Forschungsthemen passt.

Frage: Welche Rolle nehmen Hochschulen für angewandte Wissenschaften in gesellschaftlichen Transformationsprozessen ein – und was unterscheidet ihre Forschung von universitärer Forschung?

Lange galt die Vorstellung, dass an Fachhochschulen und HAWs vor allem die Lehre im Vordergrund steht. Ich erlebe aber einen deutlichen Wandel. Viele Kolleginnen und Kollegen wollen mehr als „nur“ lehren – aus wissenschaftlicher Neugier, aus Eigenmotivation und weil sie mit ihrer Arbeit gesellschaftlich etwas beitragen wollen. Gleichzeitig ist Forschung auch für die Lehre wichtig: Wer nicht Teil wissenschaftlicher Communities ist, verliert schnell den Anschluss an aktuelle Entwicklungen.

Was uns von Universitäten nicht grundsätzlich in der Qualität, aber oft in der Ausrichtung unterscheidet, ist der starke Bezug zur Praxis. Auch wir betreiben Grundlagenforschung. Aber wir stellen immer auch die Frage: Welche Probleme gibt es im Feld? Welche Lösungen werden gebraucht? Vieles entsteht bei uns aus konkreten Bedarfen von Praxispartnern und nicht allein aus dem, was wissenschaftlich gerade besonders sichtbar oder zitierfähig ist. So entstehen an der HNEE in Gemeinschaft mit den betroffenen Akteur*innen Antworten auf allgegenwärtige, lokale Probleme und Herausforderungen in einem globalen Kontext.

Frage: Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Ein Beispiel ist unsere Forschung zu Spulwurminfektionen bei Mensch und Tier. Wir untersuchen zum einen im Labor sehr grundlagenorientiert, wie etwa Immunsystem, Darmepithel, Bakterien und Wurmeier zusammenwirken. Zum anderen arbeiten wir direkt unter Praxisbedingungen, etwa in Betrieben mit Schweinen oder Hühnern, und verfolgen dort natürliche Infektionsverläufe. Das ist für landwirtschaftliche Betriebe hochrelevant, weil sich daraus Rückschlüsse auf Infektionswege, Tiergesundheit oder auch den Impferfolg ergeben.

Ein weiteres Beispiel ist unsere Forschung zu verschiedenen Hühnerrassen beziehungsweise Herkünften und zu der Frage, wie sie mit Futtermitteln unterschiedlicher Nährstoffdichte auskommen. Hintergrund war unter anderem das Verbot des Tötens männlicher Küken. Daraus ergaben sich ganz praktische Fragen für die Haltung und Fütterung männlicher Tiere. Auch hier gehen wir von einem Problem aus der Praxis aus und verbinden es mit Laborarbeit, etwa zur Fleisch- und Eiqualität oder zu Auswirkungen auf Tiergesundheit und Verhalten.

Farge: Wenn die Forschung an HAWs zunimmt: Wo bleibt dann der Transfer?

Die Annäherung an universitäre Forschung betrifft vor allem den Umfang und die Qualität, nicht die Art, wie wir arbeiten. Forschende an der HNEE werben erhebliche Drittmittel ein – aber der Transfer ist immer in den Projekten strategisch mit verankert. Genau darin liegt eine besondere Stärke. Bei unserem Hühnerbeispiel bauen wir etwa ein Netzwerk in Brandenburg auf, in dem Betriebe aus Hühnerhaltung, Verarbeitung und Vermarktung regelmäßig zusammenkommen um den lokalen Markt mit regionalen Produkten zu bedienen. Solche Formate erzeugen nicht immer unmittelbar klassischen wissenschaftlichen Output, sind aber für Transfer enorm wichtig. Leider wird in der Exzellenzbeurteilung die Wirkung der wissenschaftlichen Arbeit oft noch nicht gebührend prämiert. Dies wäre wichtig, um Forschung an HAWs gerechter hinsichtlich Exzellenz beurteilen zu können.

An der HNEE gibt es mit INES, InnoSupport und weiteren Strukturen sehr gute Voraussetzungen dafür, Fragen aus der Praxis aufzunehmen, in Forschung und Lehre zu tragen und Ergebnisse wieder gezielt zurück in die Region, in Betriebe und Unternehmen zu spiegeln. Das ist mehr als die Veröffentlichung eines Abschlussberichts oder Papers. Es ist eine echte Investition in unsere Region.

Frage: Wie entwickeln sich die Forschungsschwerpunkte der HNEE?

Forschungsschwerpunkte lassen sich nicht am Reißbrett entwerfen. Sie entstehen aus dem, was tatsächlich an der Hochschule passiert: aus Publikationen, Drittmitteleinwerbungen, Kooperationen und den Themen, die Kolleginnen und Kollegen in ihrer Forschung vorantreiben. Deshalb ist ihre Entwicklung auch ein gemeinsamer Prozess innerhalb der Hochschule. Im vergangenen Jahr sind die neuen Forschungsschwerpunkte mittels partizipativen Austauschformaten in Präsenz und online entstanden. 

Aktuell zeigt sich sehr deutlich, dass nachhaltige Landschaftsnutzung – in Wäldern ebenso wie in Offenlandsystemen – ein zentrales Thema bleibt. Angesichts von Klimakrise mit Dürren und Starkwetterereignissen wird das auch künftig von hoher Relevanz sein. Gleichzeitig verfügt die HNEE über starke sozialökonomische Kompetenzen und forscht aktiv zu aktuellen und zukunftsweisenden Themen in Wirtschaft und Gesellschaft. Wie sich die Schwerpunkte weiterentwickeln, hängt auch damit zusammen, welche neuen Kolleginnen und Kollegen mit welchen Themen an die Hochschule kommen.

Frage: Wie eng sind Forschungsschwerpunkte und Praxis an der HNEE miteinander verknüpft?

Sehr eng. Beispielsweise im Bereich der nachhaltigen Landschaftsnutzung kommen fortlaufend Fragen aus der Praxis an uns heran – aus landwirtschaftlichen Betrieben, aus der Forstwirtschaft oder über Netzwerke wie INES. Daraus entstehen Forschungsprojekte, Publikationen und Drittmittel. Insofern entsteht auch der Forschungsschwerpunkt selbst aus Bedarfen und Fragen aus der Praxis.

Für eine Hochschule wie die HNEE lassen sich Forschung, Transfer und Lehre ohnehin kaum sauber voneinander trennen. Sie greifen eng ineinander. Genau das ist ein Teil unserer Stärke.

Frage: Die HNEE bewegt sich regional, national und international zugleich. Warum sind Reallabore und regionale Netzwerke für Nachhaltigkeitsforschung so wichtig?

Sie sind für uns eine enorme Ressource. Forschung entsteht nicht isoliert, sondern im Austausch – in Netzwerken, Kooperationen und gemeinsamen Projekten. Reallabore und vergleichbare Strukturen helfen dabei, Forschung in einem konkreten Kontext unter realen Bedingungen durchzuführen und gleichzeitig anschlussfähig für größere wissenschaftliche Netzwerke zu bleiben.

Gerade für Förderanträge ist das relevant, weil nicht nur fachliche und methodische Kompetenz zählt, sondern auch die Frage, über welche Infrastrukturen und Zugänge man verfügt. Insofern sind solche Strukturen für Nachhaltigkeitsforschung nicht zwingend die einzige Voraussetzung – aber sie machen vieles deutlich besser möglich.

Frage: An der HNEE treffen ökologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Perspektiven aufeinander. Wie gelingt dieses Zusammenspiel?

Die besten Forschungsprojekte sind aus meiner Sicht die, in denen unterschiedliche Kompetenzen zusammenkommen. Niemand blickt aus nur einer Disziplin heraus vollständig auf ein Problem. Gerade in der Nachhaltigkeitsforschung ist es wichtig, naturwissenschaftliche, sozialwissenschaftliche und wirtschaftswissenschaftliche Perspektiven miteinander zu verbinden.

An der HNEE fördern wir diese multidisziplinäre Zusammenarbeit gezielt. Das Biosphere Reserves Institute ist dafür ein gutes Beispiel, weil dort unterschiedliche fachliche Zugänge zusammengeführt werden. Perspektivisch möchten wir weitere Strukturen schaffen, in denen gemeinsam an größeren Themen gearbeitet wird.

Frage: Braucht die HNEE dafür mehr Forschungszentren und Institute?

Ja, unbedingt. Eine große Herausforderung von HAWs ist, dass sie im Vergleich zu Universitäten deutlich mehr Lehre leisten und gleichzeitig deutlich weniger Mittelbau haben. Viele Aufgaben, für die es an Universitäten Postdocs oder administrative Unterstützung gibt, bleiben an HAWs bei den Professorinnen und Professoren selbst. In Instituten und Zentren lassen sich Kompetenzen, Administration und Nachwuchsförderung besser bündeln. Außerdem entsteht ein Wir-Gefühl, was Forschungs- und Transferprojekte beflügelt und das psychische Wohl der Forschenden verbessert.

Solche Strukturen sind auch nach außen wichtig. Für Praxispartner*innen ist es leichter, ein sichtbares Forschungszentrum zu einem Thema zu finden als einzelne Personen direkt zu erreichen. Kooperationen leben nachhaltiger, wenn mehrere Personen die Zusammenarbeit pflegen. Zentren und Institute schaffen Verlässlichkeit, Sichtbarkeit und bessere Ansprechbarkeit.

Frage: Wenn Sie in fünf Jahren auf die HNEE schauen: Wo sollte die Hochschule dann stehen?

Ich wünsche mir, dass es mindestens zwei gut etablierte Institute an der HNEE gibt, in denen Professorinnen und Professoren gemeinsam mit ihren Arbeits- und Forschungsgruppen an großen, departmentübergreifenden Themen arbeiten und Verbundanträge stellen. Daneben wünsche ich mir kleinere, thematisch fokussierte Zentren, die ebenfalls gemeinsame Forschung und Transferleistungen stärken.

Außerdem wünsche ich mir eine deutlich bessere Nachwuchsförderung – von der Abschluss- oder Masterarbeit bis hin zur HAW-Professur –, Stärkung des Mittelbaus, stärkere Infrastrukturen, verlässliche Unterstützung beim Projektmanagement und insgesamt mehr Zeit für Forschung und Transfer der Forschenden bei weniger administrativer Belastung. Wichtig ist mir auch, dass wir Maßnahmen nicht nur auf den Weg bringen, sondern ihre Wirkung systematisch evaluieren. Und ich wünsche mir den schnellen Start des Brandenburger Promotionskolleg, damit wissenschaftliche Karrieren an einer HAW noch besser planbar und begleitbar werden.

 

Das Gespräch führte Ulrich Wessollek.