Von gut gewollt zu gut gemacht
Das Eberswalder Studienmodell soll aus einem gemeinsamen Anspruch an gute Lehre gelebte Praxis machen. Prof. Dr. Uta Steinhardt, Vizepräsidentin für Studium und Lehre und Leiterin des geförderten Projekts, erklärt, was in den Curriculumswerkstätten geschieht, weshalb die Hochschule mit freiwilligen Vorreiter*innen beginnt – und warum die Schools für die Umsetzung wichtig sind.
Frage: Nachhaltigkeit ist in allen Studiengängen der HNEE präsent. Was soll ein gemeinsames Studienmodell darüber hinaus leisten?
Prof. Dr. Uta Steinhardt: Wir wollen Menschen ausbilden, die die Nachhaltigkeitstransformation über die Jahrzehnte ihrer Berufstätigkeit mitgestalten können – idealerweise an führender Stelle. Dafür braucht es mehr als die Fach- und Methodenkompetenzen der einzelnen Studiengänge. Entscheidend ist, wie Schlüsselkompetenzen für nachhaltige Entwicklung mit den fachlichen Inhalten verbunden werden. Das soll nicht in einem zusätzlichen Nachhaltigkeitsmodul geschehen, das irgendwann abgehakt ist. Die Kompetenzen müssen sich durch das Studium ziehen und in unterschiedlichen Zusammenhängen weiterentwickelt werden. Wir wollen sichtbar machen, was Studierende aus Eberswalde auszeichnet – unabhängig davon, welches Fach sie studiert haben.
Frage: Was geschieht in den Curriculumswerkstätten – und warum sind sie mehr als eine Überarbeitung von Modulplänen?
Prof. Dr. Uta Steinhardt: Wir wollen zunächst sichtbar machen, an welchen Stellen die Studiengänge die gemeinsamen Kompetenzfelder bereits ansprechen. Häufig ist schon viel vorhanden, nur noch nicht ausdrücklich benannt oder über den gesamten Studienverlauf aufeinander bezogen. Dann können wir Stellen identifizieren, an denen sich diese Kompetenzen noch besser oder expliziter adressieren lassen. Dabei stellen wir die Spezifik der Fächer überhaupt nicht infrage. Systemisches Denken sieht in der Forstwirtschaft anders aus als in einem Studiengang, der das Ernährungssystem betrachtet. Die Kompetenz kann dieselbe sein, ihre fachliche Ausprägung ist es nicht. Der gemeinsame Rahmen muss diese Unterschiede aufnehmen können.
Frage: Curricula zu überarbeiten bedeutet zusätzliche Arbeit. Wie verhindert ihr, dass das Studienmodell als zusätzliche Last wahrgenommen wird?
Prof. Dr. Uta Steinhardt: Die Sorge vor zusätzlichem Arbeitsaufwand ist berechtigt. Der Aufwand ist da. Deshalb müssen wir deutlich machen, welcher Gewinn damit verbunden sein kann: Lehrende bekommen fachliche Unterstützung und können gemeinsam mit Menschen, die dafür Expertise mitbringen, genauer betrachten, wie eine Kompetenz in das eigene Modul passt. Jede Studiengangsleitung und jede einzelne Lehrperson wäre überfordert, wenn sie das allein leisten sollte. Entscheidend ist, dass alle das Vorhaben eher als Unterstützung denn als Belastung wahrnehmen. Diesen Gewinn müssen wir immer wieder verdeutlichen.
Frage: Ihr beginnt mit einer „Allianz der Willigen“. Warum braucht ein Entwicklungsprojekt zugleich die Freiheit, auch einmal zu scheitern?
Prof. Dr. Uta Steinhardt: Weil wir nicht so tun sollten, als wüssten wir schon genau, wie alles funktioniert. Wir beginnen mit vier von rund zwanzig Studienprogrammen, planen und erproben den Prozess, werten ihn aus und lernen für die nächste Runde. Dafür haben wir Studiengänge gesucht, die selbst einen Bedarf sehen und neugierig auf den Prozess sind. Wenn dort gute Erfahrungen entstehen, kann das die Offenheit in der nächsten Runde erhöhen. Dazu gehört für mich aber auch eine andere Fehlerkultur. An Hochschulen wird sehr viel über Best Practice oder Good Practice gesprochen. Über Dinge, die nicht gelingen, reden wir deutlich seltener. Wenn wir Fehler verschweigen oder unter den Teppich kehren, machen wir sie wahrscheinlich noch einmal. Vielleicht können wir sie nicht vollständig vermeiden – aber wir können lernen, besser zu scheitern.
Frage: Welche Rolle spielen die Undergraduate und die Graduate School für die Umsetzung?
Prof. Dr. Uta Steinhardt: Für mich ist die Zusammenarbeit mit den Schools eine wesentliche Gelingensbedingung. Inter- und Transdisziplinarität setzen voraus, dass Studierende über die Grenzen ihrer Studiengänge hinweg miteinander lernen können. Das versuchen wir schon seit langem, stoßen dabei aber immer wieder an studienorganisatorische Grenzen. Studiengänge arbeiten mit unterschiedlichen Blockstrukturen und Zeitfenstern. Ein gemeinsames Angebot hilft wenig, wenn es im Stundenplan und im Curriculum keinen Platz findet. Dafür nutzen wir die Curriculumswerkstätten auch, um – ich sage das etwas salopp – die Curricula zu „entrümpeln“. Die Schools können den organisatorischen Rahmen schaffen, um Angebote innerhalb der Bachelor- und der Masterprogramme besser aufeinander abzustimmen. Die neue Struktur allein löst diese Aufgabe allerdings nicht. Wir müssen die Besonderheiten der Studiengänge ernst nehmen, viel kommunizieren und Kompromisse finden.
Frage: Woran würdest du den Erfolg des Projekts erkennen – und was verändert die Arbeit daran an deiner eigenen Lehre?
Prof. Dr. Uta Steinhardt: Ein erster Zwischenschritt wäre erreicht, wenn die Pilotrunde gelingt und sich für die nächste Runde Studiengänge melden, die sagen: Das wollen wir auch, weil es uns voranbringen wird. Erfolg zeigt sich für mich ebenso in guten Prozessen: Wie entstehen studiengangsübergreifende Angebote? Wie werden sie für alle sichtbar, und wie gelingt eine transparente Anmeldung? Schwieriger ist die Frage, wie sich Kompetenzentwicklung messen lässt. Langfristig könnten uns Alumni sagen, was ihnen das Studium für ihre Arbeit tatsächlich mitgegeben hat. Zugleich merke ich, dass auch ich noch Unterstützung brauche, wenn es um die curriculare Verankerung von Schlüsselkompetenzen in meinen eigenen Modulen geht. Bisher entscheide ich vieles aus meinem Verständnis heraus. Wenn unser Studiengang später mit einer Curriculumswerkstatt an der Reihe ist, erhoffe ich mir dafür echte fachliche Unterstützung. Damit man von gut gewollt auch zu gut gemacht kommt. Das gilt für einzelne Lehrveranstaltungen – und wahrscheinlich für das gesamte Projekt.
Das Gespräch führte Ulrich Wessollek.