BRI: Biosphärenreservate als Reallabore entscheidend für Forschung und Transformation
Biosphärenreservate sind aus der Perspektive der Nachhaltigkeitsforschung besonders relevante Forschungsräume, weil sie zwei Ziele zusammenbringen, die oft in Spannung stehen: den Schutz der Biodiversität und die Stärkung regionaler Wertschöpfung. Genau dieser Zielkonflikt zwischen Schutz und Nutzung macht sie – so Prof. Dr. Carsten Mann – zu idealen Orten für anwendungsorientierte Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung, die auch ein drittes Ziel erfüllen: Forschung und Bildung für eine nachhaltige Entwicklung.
„Biosphärenreservate können als Reallabore verstanden werden“, sagt Prof. Dr. Carsten Mann, an der HNEE Professor für Nachhaltige Waldressourcenökonomie und Generaldirektor des Biosphäre Reserves Institute (BRI). In diesen „geschützten Räumen“ lassen sich neue Ansätze erproben: von Governance-Modellen über Kooperationen bis hin zu Anreiz- und Honorierungssystemen, die Biodiversitätsschutz wirksamer unterstützen. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, ob Biosphärenreservate nicht nur innerhalb ihrer Grenzen wirken, sondern als Motoren der Transformation auch darüber hinaus Impulse setzen können.
Wie der Transfer zwischen ländlichen und urbanen Räumen gelingt, zeigt unter anderem eine Promotion zu Nachhaltigkeitsinnovationen in Biosphärenreservaten – mit Fallbeispielen aus der Region Schorfheide-Chorin (nahe Berlin) und aus Frankreich (Fontainebleau-Gatinais, nahe Paris). Erste Potenziale liegen in Wertschöpfungsketten, die Stadt und Land verbinden. Neben nachhaltiger Tourismuswirtschaft sieht Carsten Mann noch Potenzial für Landwirtschaft und die Vermarktung regionaler Produkte im Biosphärenumfeld.
Welche Rolle spielt dabei das Biosphere Reserves Institute? Mann beschreibt das BRI als Plattform und Anlaufstelle an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis – mit Expertise in inter- und transdisziplinärer Forschung, Co-Design und Prozessbegleitung. Der UNESCO-Kategorie-2-Status als weltweit erstes Institut mit Fokus auf Biosphärenreservate erhöhe zudem die internationale Sichtbarkeit spürbar: Anfragen aus Projektkonsortien, von Reservaten weltweit und für Publikationen nehmen zu – gleichzeitig wächst der Bedarf, Aktivitäten strategisch zu priorisieren.
Auch in der Lehre bündelt das BRI Kompetenzen: Der englischsprachige Masterstudiengang „BIOM – Biosphere Reserve Management International“ qualifiziert künftige Change Agents für ein Feld, das systemisches Denken, transdisziplinäre Methodenkompetenz und internationale Kontextsensibilität verlangt.
Das vollständige Interview mit Prof. Dr. Carsten Mann zeigt, warum Biosphärenreservate als Untersuchungsräume der Zukunft gelten – und wie das BRI Forschung, Praxis und Ausbildung im UNESCO-Kontext zusammenführt.
Forschung am BRI
Interview: „Biosphärenreservate sind Reallabore für nachhaltige Entwicklung“
Warum Biosphärenreservate zu zentralen Forschungsräumen werden – und welche Rolle das Biosphere Reserves Institute (BRI) dabei spielt. Prof. Dr. Carsten Mann ist Generaldirektor des BRI und Professor für Nachhaltige Waldressourcenökonomie.
Frage: Warum sind Biosphärenreservate aus wissenschaftlicher Sicht heute besonders relevante Forschungsräume?
Prof. Dr. Carsten Mann:
Biosphärenreservate eignen sich hervorragend für Forschung – insbesondere für Nachhaltigkeitsforschung –, weil sie unterschiedliche Aufgaben miteinander verbinden. Einerseits geht es um den Schutz der Biodiversität, andererseits um die Stärkung lokaler und regionaler Wertschöpfung. Damit machen sie einen klassischen Zielkonflikt des natürlichen Ressourcenmanagements sichtbar: den Konflikt zwischen Schutz und Nutzung.
Genau darin liegt ihr wissenschaftlicher Wert. Biosphärenreservate bieten die Möglichkeit, neue Ansätze des Biodiversitätsschutzes, Wertschöpfungsketten und Governance-Modelle zu erproben, die diese Spannung produktiv bearbeiten und einen Mehrwert für die Region schaffen. Dafür braucht es geschützte Räume, in denen Neues ausprobiert werden kann. Biosphärenreservate lassen sich deshalb gut als Reallabore verstehen, in denen gemeinsam mit Akteuren vor Ort neue Prozesse und Modelle entwickelt und getestet werden.
Frage: Welche Entwicklungen lassen aktuell neue Forschungsfragen entstehen?
Prof. Dr. Carsten Mann:
Ein zentrales Thema ist der Biodiversitätsschutz. Wir sehen, dass bestehende Politiken und Strategien nicht ausreichen, um den Biodiversitätsverlust aufzuhalten. Deshalb geht es zunehmend darum, neue Wege zu entwickeln – etwa über Marktmodelle oder Honorierungssysteme, die Biodiversitätsschutz stärker berücksichtigen.
Ein weiterer Schwerpunkt sind Governance-Fragen: Wie lassen sich unterschiedliche Akteure und Politiksektoren in einem Biosphärenreservat koordinieren, um nachhaltige Entwicklung zu fördern und Transformationsprozesse anzustoßen? Und darüber hinaus stellt sich die Frage, ob Biosphärenreservate nicht auch über ihre Grenzen hinauswirken können – als Ausgangspunkte gesellschaftlicher Transformation.
Frage: Trägt das zu Erkenntnissen bei, die über Biosphärenreservate hinaus relevant sind?
Prof. Dr. Carsten Mann:
Ja. Eine Doktorarbeit von Dr. Caroline Dabard hat beispielsweise untersucht, welche Nachhaltigkeitsinnovationen in Biosphärenreservaten entstehen und wie diese in urbane Räume hineinwirken. Betrachtet wurden unter anderem die Schorfheide-Chorin mit der Nähe zu Berlin sowie Fontainebleau-Gatinais in Frankreich nahe Paris.
Dabei zeigt sich, dass insbesondere Wertschöpfungsketten eine Verbindung zwischen ländlichen und urbanen Räumen herstellen können – etwa durch regionale Produkte. Gleichzeitig gibt es hier noch großes Potenzial. Abgesehen vom Tourismus ist der Austausch bislang begrenzt. Gerade dort, wo nachhaltige Wertschöpfung Impulse für Entwicklung setzen könnte, besteht noch Ausbaubedarf.
Frage: Welche Transformationsprozesse lassen sich in Biosphärenreservaten besonders gut beobachten?
Prof. Dr. Carsten Mann:
Gut sichtbar wird, wie unterschiedliche Landnutzungsbereiche und Politikfelder zusammengebracht werden können – etwa Land- und Forstwirtschaft, ländliche Entwicklung, Verkehr oder Energieversorgung. Entscheidend ist zunächst, Akteure überhaupt ins Gespräch zu bringen.
Formate wie Biosphärenreservatsforen ermöglichen es, gemeinsame Visionen für eine Region zu entwickeln und sich auf ein Zielbild zu verständigen. Das funktioniert in Biosphärenreservaten oft besser als in anderen Kontexten, weil der Raum überschaubar ist und Akteure unter einem gemeinsamen Dach zusammenkommen.
Hinzu kommen Bereiche wie Tourismus oder regionale Wertschöpfungslabels, etwa die Spreewaldgurken als Dachmarke. Solche Modelle können traditionelle Bewirtschaftungsformen erhalten und regionale Wirtschaft stärken. Viele Akteure haben inzwischen erkannt, welchen Mehrwert regionale Wertschöpfung in Zeiten zunehmender Intensivierung haben kann.
Frage: Welche Rolle spielt dabei das Biosphere Reserves Institute (BRI)?
Prof. Dr. Carsten Mann:
Das BRI versteht sich als Plattform und Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Wir bekommen Anfragen aus Biosphärenreservaten zu konkreten Herausforderungen und können diese in Forschungsprozesse überführen. Damit stärken wir die Verbindung zwischen wissenschaftlicher Expertise und praktischen Fragestellungen.
Zugleich sind wir über das UNESCO-Netzwerk international vernetzt und Ansprechpartner für Forschungs- und Praxisfragen rund um Biosphärenreservate. Früher waren solche Aktivitäten oft an einzelne Personen gebunden. Heute ist das institutionell gebündelt bzw. es gibt das BRI als Ansprechpartnerin, was die Sichtbarkeit und Zusammenarbeit deutlich verbessert.
Ein weiterer Schwerpunkt ist unsere Expertise in Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung. Wir arbeiten inter- und transdisziplinär, begleiten Transformationsprozesse und entwickeln gemeinsam mit Praxispartner*innen Lösungen. In diesem Sinne ist das BRI Sprachrohr, Plattform und Kompetenzzentrum zugleich.
Frage: Welche Rolle spielen Lehre und Ausbildung?
Prof. Dr. Carsten Mann:
Mit dem englischsprachigen Masterstudiengang „BIOM – Biosphere Reserve Management International“ qualifizieren wir Studierende für genau diese Schnittstellen. Dort werden zukünftige Change Agents ausgebildet, die Schnittstellenkompetenz haben, Biosphärenreservate managen und Transformationsprozesse begleiten können.
Forschung, Praxis und Lehre greifen dabei eng ineinander. Forschung liefert die Grundlage für die Inhalte, gleichzeitig ermöglichen Netzwerke zu Praxispartner*innen sehr anwendungsnahe Studien- und Abschlussarbeiten. Forschung übernimmt dabei auch eine wichtige Evaluationsfunktion: zu prüfen, was funktioniert und was nicht.
Frage: Welche Bedeutung hat der UNESCO-Kategorie-2-Status für das BRI?
Prof. Dr. Carsten Mann:
Die Tragweite zeigt sich gerade erst. Es gab bislang kein UNESCO-Kategorie-2-Institut mit Fokus auf Biosphärenreservate. Der Status erhöht die internationale Sichtbarkeit erheblich. Wir erhalten deutlich mehr Anfragen aus internationalen Projektkonsortien, von Biosphärenreservaten weltweit oder für wissenschaftliche Beiträge.
Das ist eine große Chance, bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Als vergleichsweise kleine Einrichtung müssen wir genau entscheiden, welche Kooperationen und Aktivitäten wir verfolgen können. Dieser Prozess ist Teil einer laufenden Entwicklung.
Frage: Was ist der Vorteil, dass das BRI an einer Hochschule angesiedelt ist?
Prof. Dr. Carsten Mann:
Die HNEE verfügt über langjährige Erfahrung in Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung, in der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Stakeholdern und in transdisziplinären Ansätzen. Diese Kompetenzen sind nicht neu und reichen über Biosphärenreservate hinaus. Deshalb passt das BRI sehr gut an eine Hochschule mit diesem Profil.
Ein klares Profil ist dabei entscheidend. Nachhaltige Entwicklung ist kein abgeschlossenes Thema – in vielen Bereichen beginnt die praktische Umsetzung gerade erst. Das spiegelt sich auch in den Menschen wider, die hier studieren und arbeiten: Viele sind stark motiviert, gesellschaftliche Veränderungen mitzugestalten.
Frage: Welche Kompetenzen brauchen Studierende, die später international arbeiten wollen?
Prof. Dr. Carsten Mann:
Biosphärenreservate sind sozial-ökologische Systeme mit komplexen Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Natur. Entscheidend ist deshalb systemisches Denken. Studierende müssen lernen, unterschiedliche Disziplinen miteinander zu verbinden, inter- und transdisziplinär zu arbeiten und sich auf Praxisprozesse einzulassen.
Ebenso wichtig ist die internationale Perspektive – also die Bereitschaft, unterschiedliche kulturelle und institutionelle Kontexte zu verstehen.
Kurz gesagt: systemisches Denken, Methodenkompetenz, Offenheit und Neugierde für andere Kontexte.
Frage: Welche Perspektiven eröffnet wissenschaftliche Qualifizierung in diesem Feld?
Prof. Dr. Carsten Mann:
Nach dem Master kann der nächste Schritt eine Promotion sein, etwa im Rahmen des Brandenburger Promotionskollegs. Aktuelle Forschung beschäftigt sich beispielsweise mit gesellschaftlichen Naturbeziehungen und der Frage, wie eine stärkere Verbindung zur Natur Biodiversitätsschutz unterstützen kann.
Das Profil ist dabei weniger auf ein einzelnes Berufsfeld zugeschnitten, eröffnet aber viele Möglichkeiten – etwa im Schutzgebietsmanagement, in Verwaltung oder Ministerien. Gefragt sind Menschen, die komplexe Zusammenhänge verstehen und zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik vermitteln können.
Frage: Welche Forschungsfragen gewinnen künftig an Bedeutung?
Prof. Dr. Carsten Mann:
Vor allem Governance-Fragen: Wie lassen sich Akteure einbinden, Kooperationen gestalten und gemeinsame Lösungen entwickeln? Biosphärenreservate bieten die Chance, solche Prozesse als Reallabore zu erproben und aus Erfolgen wie auch aus Fehlentwicklungen zu lernen.
Frage: Was macht Ihnen persönlich an der Arbeit am meisten Spaß?
Prof. Dr. Carsten Mann:
Die internationale Dimension. Die HNEE im internationalen Kontext zu sehen und ihre Rolle dort zu stärken, finde ich persönlich sehr bereichernd.
Das Gespräch führte Ulrich Wessollek