Nachhaltigkeitsbarometer 2025: Junge Generation fordert politische Verantwortung – Bildung für nachhaltige Entwicklung gewinnt an Bedeutung
Sozioökonomische Fragen, Gerechtigkeit und politische Verlässlichkeit rücken für junge Menschen in Deutschland zunehmend in den Mittelpunkt ihres Nachhaltigkeitsverständnisses. Das zeigt das Greenpeace-Nachhaltigkeitsbarometer 2025, eine bundesweite repräsentative Studie, an der die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) gemeinsam mit Greenpeace e. V. und der Leuphana Universität Lüneburg beteiligt war. Befragt wurden im Juni 2025 insgesamt 1.506 junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren.
Die Ergebnisse machen deutlich: Nachhaltigkeit ist für die junge Generation weiterhin ein zentrales Thema – wird jedoch immer stärker mit sozialen Fragen, Lebenshaltungskosten, Generationengerechtigkeit und politischer Verantwortung verknüpft.
Nachhaltigkeit bleibt relevant – Prioritäten verschieben sich
Umwelt- und Klimaschutz zählen weiterhin zu den wichtigen Themen junger Menschen, verlieren im Vergleich zu früheren Erhebungen jedoch an relativer Bedeutung. Stattdessen gewinnen soziale Absicherung, Lebenshaltungskosten und Gerechtigkeitsfragen deutlich an Gewicht. Als wichtigstes nachhaltigkeitsbezogenes Thema nennen die Befragten die Einhaltung der Menschenrechte, gefolgt von einer guten finanziellen Absicherung für alle.
Mehr als 70 Prozent der jungen Menschen stimmen der Aussage zu, dass sie die Fehler älterer Generationen im Umgang mit Umwelt und Klima ausbaden müssen. Ebenfalls eine Mehrheit empfindet die unverhältnismäßigen Treibhausgasemissionen der reichsten Menschen in Deutschland, als ungerecht und fühlt sich von der Politik beim Umwelt- und Klimaschutz im Stich gelassen. Hintergrund: Ein Mensch aus den reichsten 0,1 Prozent der deutschen Bevölkerung ist ursächlich verantwortlich für 307 Tonnen CO₂ pro Jahr. Die ärmsten 50 Prozent liegen mit jährlichen Pro-Kopf-Emissionen von 5,9 Tonnen CO₂ vergleichsweise nahe an der 1,5 Grad-kompatiblen Grenze von 2,1 Tonnen CO₂. Diese Ungleichverteilung empfinden zwei Drittel der jungen Menschen als unfair. (Die Zahlen sind dem OXFAM-Bericht „Klimakluft“ aus dem Oktober 2025 entnommen).
„Viele junge Menschen haben ein sehr klares Verständnis davon, dass ökologische Krisen und soziale Ungleichheit eng miteinander verbunden sind“, sagt Sonja Geiger, Professorin an der HNEE und Mitautorin der Studie. „Gleichzeitig wächst die Frustration darüber, dass dieses Bewusstsein politisch kaum aufgegriffen wird.“
Forschungsschwerpunkt: Gerechtigkeit und Klima-Emotionen
Prof. Dr. Sonja Geiger war im Rahmen des Nachhaltigkeitsbarometers insbesondere an der Konzeption und Weiterentwicklung des Fragebogens sowie an den statistischen Analysen beteiligt. Inhaltlich lag ihr Schwerpunkt auf Gerechtigkeitsthemen und Klima-Emotionen – also der Frage, wie junge Menschen Ungleichheit, Verantwortung und psychische Belastungen im Kontext des Klimawandels wahrnehmen.
„Neu an dieser Erhebung ist, dass wir nicht mehr nur über Meinungen und Wünsche in Bezug auf Nachhaltige Entwicklungen sprechen, sondern vermehrt über Klimagerechtigkeit und die psychischen Belastungen junger Menschen durch den Klimawandel“, erläutert Geiger. „Diese Perspektive ist entscheidend, um aktuelle gesellschaftliche Spannungen zu verstehen.“
Besonders herausfordernd und zugleich produktiv sei dabei das Spannungsfeld zwischen dem pragmatischen, politikberatenden Ansatz von Greenpeace und einem wissenschaftlich fundierten Zugang, der auch komplexe multivariate Zusammenhänge sichtbar macht.
Warum das Nachhaltigkeitsbarometer so wichtig ist
Das Greenpeace-Nachhaltigkeitsbarometer liefert durch seine Anlage ein besonders belastbares Bild der jungen Generation in Deutschland. Neben der repräsentativen Stichprobe kommen teilweise international etablierte Messinstrumente zum Einsatz, etwa zur Erfassung von Klima-Emotionen. Zudem handelt es sich um eine Zeitreihe, die bereits zum vierten Mal erhoben wurde.
„Dadurch können wir nicht nur Momentaufnahmen liefern, sondern auch grobe Tendenzen über die Jahre hinweg nachvollziehen“, so Geiger. „Das macht die Ergebnisse sowohl für Wissenschaft als auch für Politik und Bildung besonders wertvoll.“
Bildung für nachhaltige Entwicklung: Orientierung in Krisenzeiten
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die gewachsene Bedeutung von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Nachhaltigkeit ist heute deutlich stärker in Schulen, Ausbildung und Hochschulen verankert als noch vor zehn Jahren. Je nach Bildungsbereich geben zwischen 61 und über 90 Prozent der Befragten an, sich im Unterricht bereits mit Nachhaltigkeit beschäftigt zu haben.
Gleichzeitig zeigt die Studie, dass die Umsetzung von BNE häufig punktuell bleibt – etwa auf einzelne Fächer oder kurze Projekte begrenzt. Gerade an Hochschulen wünschen sich Studierende eine stärkere Verzahnung von Lehre, institutioneller Praxis und gesellschaftlicher Verantwortung.
„Bildung für nachhaltige Entwicklung ist für viele junge Menschen ein wichtiger Anker, um mit den multiplen Krisen unserer Zeit umzugehen“, sagt Geiger. „Damit BNE ihre Wirkung entfalten kann, braucht es aber mehr als Sachwissen und Methodenkompetenz.“
HNEE: Räume für Handlungskompetenz und demokratische Teilhabe
Vor dem Hintergrund wachsender Sorgen, Frustration und politischer Desillusionierung sieht Geiger eine besondere Verantwortung bei Hochschulen – und ausdrücklich auch bei der HNEE.
„Neben Fachwissen brauchen junge Menschen intrapersonale Kompetenzen“, betont sie. „Also die Fähigkeit, mit Gefühlen wie Angst, Überforderung oder Wut umzugehen und diese konstruktiv zu kanalisieren – etwa durch soziale Unterstützung oder Engagement im eigenen Umfeld, statt in Lähmung zu verfallen.“
Aktive Interventionen zur psychologischen Unterstützung im Umgang mit multiplen Krisen seien daher ein wichtiger Bestandteil zeitgemäßer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Ergebnisse des Nachhaltigkeitsbarometers unterstreichen damit die Rolle der HNEE als Ort der Reflexion, der wissenschaftlichen Einordnung und der aktiven Gestaltung gesellschaftlicher Transformation.
„Bildung kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen“, so Geiger. „Aber sie kann Räume eröffnen, in denen junge Menschen Zuversicht, Urteilsfähigkeit und demokratische Handlungskompetenz entwickeln – und genau das ist heute entscheidend.“
Das Nachhaltigkeitsbarometer finden Sie hier. Den erwähnten OXFAM-Bericht hier.